Legitimierte Zerstörung von Biodiversität

Regierungen und Konzerne dürfen selbst geschützte Naturgebiete zerstören, wenn sie anderswo den damit verbundenen Verlust der Biodiversität kompensieren. Solche Kompensationen stoppen nicht den Verlust biologischer Vielfalt, werden aber immer beliebter.

Die Idee, Biodiversitätsverlust zu kompensieren, ist nicht neu: Die USA, Deutschland und Indien führten den Ansatz bereits in den 1980er Jahren in ihre Umweltgesetzgebungen ein. Befürworter argumentieren, dass ohne solche Kompensationen noch mehr Biodiversität zerstört würde. Durch die Kompensationsverpflichtung würden Konzerne, die Biodiversität zerstören, diesen Schaden wenigstens ausgleichen, indem sie anderswo biologische Vielfalt erhalten oder wiederherstellen.

Die Erfahrungen in vielen Ländern zeigen jedoch eine andere Wirklichkeit: Kompensation von Biodiversität höhlt Naturschutz aus. Sie erlaubt Firmen im Gegenzug für das Versprechen, Biodiversitätsverlust durch Maßnahmen an einem anderen Ort wieder auszugleichen, den gesetzlichen Schutz ebenjener Gebiete zu umgehen, die für sie von wirtschaftlichem Interesse sind.

Kompensation von Biodiversitätsverlust erlaubt ihnen also vorzugeben, Naturschutz zu respektieren, obwohl sie Biodiversität an gesetzlich geschützten Orten zerstören. Letzendlich sichert das Instrument der Kompensation verläßliche Projektbewilligungen durch Behörden und Finanzierung von Finanzinstitutionen, selbst wenn die beantragten Maßnahmen Natur in Weltnaturerbestätten oder Schutzgebieten zerstören. Kompensation ist das Regulierungsinstrument, das solch lizensierte Zerstörung erlaubt. Der wachsende Katalog von Umweltregulierungen, der sich in Reaktion auf den öffentlichen Druck für besseren Naturschutz seit den 1970er Jahren entwickelt hat, wird damit untergraben.

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Das folgende Zitat einer neuseeländischen Anwaltskanzlei fasst treffend zusammen, warum Konzerne Interesse an Kompensation von Biodiversitätsverlust zeigen:

"Ausgleichsmaßnahmen können Unternehmen helfen, ihr Risiko effektiver zu verwalten und gesellschaftliche Akzeptanz für ihr Handeln zu stärken, indem sie Behörden gegenüber darlegen, dass ihre Maßnahmen so durchgeführt werden können, dass kein Nettoverlust entsteht oder ein Nettozugewinn an biologischer Vielfalt erzielt und die Unterstützung lokaler Gemeinden und der Zivilgesellschaft gesichert wird. Firmen bemühen sich zunehmend um eine gute fachliche Praxis in Bezug auf Umweltbelange, um gesellschaftliche Akzeptanz für ihr unternehmerisches Handeln und den Zugang zu Kapital zu sichern, um zeitnahe Zustimmung [für ihre Projekte] zu erhalten, kosteneffektiv zu arbeiten, und ihren Wettbewerbsvorsprung zu sichern." [Übersetzung der Autorin]

Die steigende Popularität von Ausgleichsmaßnahmen ist vor diesem Hintergrund leicht nachvollziehbar. Nach Angaben der International Union for Conservation of Nature (IUCN) hat sich die Zahl der Länder, die Ausgleichsmaßnahmen oder vergleichbare Ansätze zur Kompensation von Biodiversitätsverlust in ihrer Naturschutzgesetzgebung verankert haben, seit der Jahrtausendwende nahezu verdoppelt.

Auf internationaler Ebene sorgte die Rio+20-Konferenz, die 2012 in Brasilien stattfand, für einen Popularitätsschub. Beherrschendes Thema der Konferenz war die Grüne Ökonomie. Ansätze zur ökonomischen Bewertung von Natur und die Kompensation von Biodiversitätsverlust spielten dabei eine wichtige Rolle und wurde als integrale Bestandteile einer solchen Grünen Ökonomie präsentiert. Viele der Initiativen zur Kompensation von Biodiversitätsverlust, die heute im Privatsektor und in multilateralen Insititutionen existieren, wurden im Vorfeld oder als direkte Folgemaßnahmen der Rio+20-Konferenz initiiert.

Die Gründe für die wachsende Beliebtheit der Kompensation von Biodiversitätsverlust und das steigende Interesse von Regierungen, Ausgleichsmaßnahmen in ihre Umweltregulierungen zu integrieren, sind vielfältig:

  • Viele Regierungen haben sich auf das politische Ziel festgelegt, den Verlust von biologischer Vielfalt auf 'Nettonull' ("No Net Loss of Biodiversity") zu reduzieren. Ausgleichsmaßnahmen sind das bevorzugte Instrument, um dieses Ziel zumindest auf dem Papier zu erreichen. Das erlaubt den Regierungsbehörden, weiterhin Projekte zu bewilligen, die Natur zerstören und gleichzeitig zu demonstrieren, dass man den Schaden verringert.
  • Das Interesse von Unternehmen zielt zunehmend auf Extraktion von Bodenschätzen in formell geschützten Gebieten oder besonders artenreichen Lebensräumen ab, deren Zerstörung das Gesetz vielerorts derzeit nur in Ausnahmefällen erlaubt. Infolgedessen fordern Konzerne vermehrt "regulatorische Erleichterungen", also mehr 'Flexibilität‘ in der Auslegung gesetzlicher Einschränkungen. Ausgleichsmaßnahmen und ähnliche Kompensationsinstrumente liefern eben diese 'Flexibilität', indem sie Zerstörung am geschützten, aber für den Konzern wirtschaftlich interessanten Standort ermöglichen.
  • Die Weltbank und die International Finance Corporation (IFC) - der auf die Förderung privater Unternehmen spezialisierte Teil der Weltbankgruppe – gehören zu den aktivsten Unterstützern von Instrumenten zur Kompensation von Biodiversitätsverlust. Insbesondere in Ländern des Globalen Südens forcieren sie die Verankerung von Kompensation in der Naturschutzgesetzgebung. 2012 hat die IFC ihre Performance Standards überarbeitet, ein Regelwerk, das die Institution eingerichtet hat, um ihre Investitionen auf Risiken hinsichtlich ökologischer, sozialer und menschenrechtlicher Auswirkungen zu prüfen. Richtlinie 6 befasst sich mit Umweltauswirkungen und enthält seit 2012 auch Bestimmungen zu Ausgleichsmaßnahmen. Sie wurden somit in dem Jahr ergänzt, als die Rio+20-Konferenz Kompensationsinstrumenten einen enormen Popularitätsschub verlieh. Seitdem kann die IFC Privatsektorprojekte auch dann finanzieren, wenn sie Flächen zerstören, die laut Weltbankdefinition einen "kritischen Lebensraum" für den Erhalt von biologischer Vielfalt darstellen. Ohne diese Erweiterung wäre die Zusage von IFC-Finanzierung für Privatsektorprojekte, die diese zerstören, schwieriger und kontroverser gewesen. 

Legitimierte Zerstörung von 'kritischen Lebensräumen'

Die IFC-Richtlinie 6 hat sich als besonders wirksamer Treiber für den Ansatz der Kompensation von Biodiversitätsverlust erwiesen, sowohl auf Unternehmens- als auch auf Regierungsebene. Viele öffentliche und private Banken wenden die IFC-Richtlinien oder auf den IFC-Richtlinien aufbauende Standards auch für ihre eigene Projektprüfung an. Damit wurde die Präsentation eines Plans zur Kompensation von Biodiversitätsverlust quasi zur Voraussetzung für die Finanzierung von Privatsektorprojekten, welche Lebensräume zerstören, die laut Weltbankdefinition 'kritisch' für den Erhalt von biologischer Vielfalt sind.

Weil aber viele Flüsse schon aufgestaut sind und viele Lebensräume, die besonders reich an biologischer Vielfalt und an Bodenschätzen sind, bereits für den Abbau der begehrten Erze und Metalle zerstört wurden, betreffen neue Projekte von Bergbaukonzernen und Wasserkraftindustrie immer häufiger "kritische Lebensräume." Eine Finanzierung durch die IFC ist oft unabdingbar für die Gesamtfinanzierung eines Projekts, daher zeigen Bergbau-, Erdöl- und Gaskonzerne sowie die Wasserkraftindustrie besonderes Interesse an der Kompensation von Biodiversitätsverlust. Neben einer gesicherten Finanzierung erhoffen sie sich von der Vorlage solcher Kompensationspläne zudem eine höhere öffentliche Akzeptanz der Zerstörung und die Zustimmung der Naturschutzindustrie für ihre Projekte, selbst wenn diese Schutzgebiete zerstören. Denn Projekte, bei denen Unternehmen einen Vorschlag für Kompensation von Biodiversitätsverlust vorlegen, sind in der Regel Projekte, die aufgrund ihrer Lage in Gebieten mit besonderer Bedeutung für den Erhalt biologischer Vielfalt auf öffentliche Ablehnung treffen.

Kompensation von Biodiversitätsverlust als Türöffner für Erdölförderung in Weltnaturerbestätten und Naturschutzgebieten

Der französische Energiekonzern Total verweist auf die IFC-Richtlinie 6 als Grund für seinen Kompensationsplan von Biodiversitätsverlust durch Erdölförderung in Tilenga, Uganda sowie weiteren Projekten zur Erdölförderung in Nationalparks und anderen Schutzgebieten: "Total hat zugesagt, die Richtlinien der International Finance Corporation (IFC, Weltbank) für die Konzernprojekte Tilenga, Papua LNG und EACOP einzuhalten, um der besonders sensiblen Biodiversität einiger Standorte Rechnung zu tragen." [Übersetzung der Autorin]

Die Erdölförderung im Rahmen des Tilenga-Projekts und die East African Crude Oil Pipeline (EACOP) beeinträchtigen gleich zwei „Hotspots“ für Biodiversität: den Albert-Graben und den spektakulären Murchison Falls Nationalpark. Sogar der Konzern erkennt an, dass die Erdölförderung in einem "für Biodiversität besonders sensitiven Gebiet" stattfindet. Der Ausgleich von Biodiversitätsverlust ist für Total ein Instrument, um die Aufmerksamkeit von den Auswirkungen seiner Aktivitäten auf dieses "für die Biodiversität besonders sensitive Gebiet" abzulenken. Wie ist das möglich? Indem man die lokale Bevölkerung für die Zerstörung verantwortlich macht. In seinem Plan zur Kompensation von Biodiversitätsverlust macht Total die kleinbäuerliche Landnutzung für die Beeinträchtigung der Artenvielfalt verantwortlich. Der Konzern verspricht: Die Ausgleichsmaßnahme wird diese Degradierung zum Stillstand bringen und sogar "Nettogewinne" für die Biodiversität bringen. Kompensation ermöglicht es Unternehmen wie Total, die Zerstörung von besonders artenreichen Gebieten als eine Win-Win-Situation darzustellen, und von der eigenen Verantwortung für Biodiversitätsverlust abzulenken.

In Costa Rica experimentiert der Energiekonzern Instituto Costarricense de Elecricidad mit Kompensationsmaßnahmen. Ziel ist es, die Zerstörung von Lebensräumen aufgrund des Baus eines Staudamms am Fluss Reventazón auszugleichen. Neben der Europäischen Investitionsbank beteiligt sich auch die IFC an der Finanzierung des Staudammprojekts. Nach Angaben des Unternehmens erfüllt der Fluss Reventazón die Kriterien der IFC-Richtlinie 6 eines "natürlichen Lebensraums"; die durch den Staudammbau veränderte Wasserführung wird zudem Auswirkungen auf den Tortuguero Nationalpark haben. Als Ausgleichsmaßnahme versprach das Unternehmen, den Fluss Parismina zu renaturieren. Erfahrungen aus Kanada zeigen jedoch, dass solche Renaturierungen nicht in dem vorgeschriebenen Zeitraum möglich sind, in dem die Firmen ihre Kompensationsprojekte durchführen. Die Regierung von Costa Rica hat sich verpflichtet, in den kommenden Jahrzehnten keinen Wasserkraftdamm am Parismina zu genehmigen. Beispiele aus Uganda (siehe unten) zeigen aber, dass solche Versprechen schnell gebrochen werden können.

In Deutschland ist die Kompensation für Umweltschäden seit den 1980er Jahren gesetzlich vorgeschrieben. Die Auslegung dieses Gesetzes hat sich jedoch im Laufe der Zeit erheblich geändert: Ursprünglich wurde eine Ausgleichsmaßnahme in der Nähe des zerstörten Gebietes gefordert und die Verantwortung für die Umsetzung und Verwaltung einer Kompensationsmaßnahme lag bei dem für den Schaden verantwortlichen Unternehmen. Heute können Konzerne diese Verantwortung an Anbieter von Kompensationen für Biodiversitätsverlust auslagern und Standorte von "Habitatbanken" erwerben. 

Wenn Ewigkeit nicht ewig dauert

Ausgleichsmaßnahmen in Verbindung mit dem umstrittenen Bujagali Staudamm in Uganda verdeutlichen, wie unzuverlässig Kompensationsversprechen sein können. Die IFC ist an der Finanzierung des Staudammprojekts am Nil beteiligt. Der Stausee flutete kulturell und ökologisch bedeutende Wasserfälle sowie Flussauen, die für die Basoga - die indigene Bevölkerung im Einzugsbereich des Staudamms - von kultureller und spiritueller Bedeutung sind.

In der öffentlichen Darstellung versicherte die IFC Kritiker/innen des Projekts, dass "vergleichbar wichtige" Wasserfälle und Flussauen als Kompensationsmaßnahme für den Bujagalistausee auf ewig geschützt würden. Im Kreditabkommen, das die IFC mit der Regierung von Uganda unterzeichnete, fehlte jedoch der Verweis, dass die Wasserfälle der Kompensationsmaßnahme auf ewig zu schützen seien. Die Ewigkeit dauerte dann auch nur so lange, bis ein Konzern eine Genehmigung für einen weiteren Staudamm entlang des Nils erhielt. Der neue Stausee wird die angeblich auf ewig geschützten Wasserfälle und Flussauen aus der Kompensationsmaßnahme für den Bujagalistausee fluten. Die IFC stimmte der Zerstörung der Kompensationsflächen zu – unter der Bedingung, dass eine neue Kompensationsfläche anderswo identifiziert und geschützt werde.

Auch in Australien wurde eine Kompensationsfläche zerstört, als sie für den Bergbaukonzern wirtschaftlich interessant wurde. Der Wald Warkworth Sands Woodland war zuvor als Kompensationsfläche ausgewiesen worden, der die Zerstörung von Biodiversität durch den Abbau von Kohle ausgleichen sollte. Jahre später beantragte der Bergbaukonzern Rio Tinto die Erweiterung des Abbaugebiets und die ausgewiesene Kompensationsfläche wurde ebenfalls zur Zerstörung freigegeben. 

Die Beispiele verdeutlichen eine der viele Gefahren, die Kompensation für den Schutz von Biodiversität darstellt: Wenn die Zerstörung einer heute als Kompensationsmaßnahme ausgewiesenen Fläche in Zukunft wirtschaftlich interessant wird, kann auch die Zerstörung der Kompensationsfläche genehmigt und finanziert werden – solange der Konzern zusagt, auch die Zerstörung der Kompensationsfläche zu kompensieren. Kompensation von Biodiversitätsverlust ermöglicht somit nie endende Zerstörung statt verlässlichen Schutz von Biodiversität.

Immer mehr Länder setzen auf Kompensation von Biodiversitätsverlust

Doch nicht nur Konzerne integrieren Ansätze zur Kompensation von Biodiversitätsverlust in ihre Geschäftsmodelle. Liberia und Mosambik gehören zu den Ländern, in denen die Weltbank Initiativen zur Kompensation von Biodiversitätsverlust finanziert. In Liberia erarbeiteten Berater der Weltbank einen Wegweiser für eine nationale Strategie zur Kompensation von Biodiversitätsverlust. Der Weltbankvorschlag sieht vor, dass etwa Bergbau in Schutzgebieten und anderen Gebieten mit großer Bedeutung für den Schutz von Biodiversität zulässig wird, wenn sich der Bergbaukonzern im Gegenzug dazu verpflichtet, eine Kompensationsgebühr zu zahlen. Diese soll in den Unterhalt und das Management von Schutzgebieten fließen und somit der chronischen Unterfinanzierung entgegenwirken. Die Finanzierung der Schutzgebiete wird dadurch abhängig von Genehmigungen zur Zerstörung anderer Schutzgebiete.

Eine Organisation, die an der Erarbeitung der ebenfalls von der Weltbank finanzierten nationalen Kompensationsstrategie in Mosambik beteiligt ist, erklärt, warum Kompensation von Biodiversitätsverlust keine Gefahr für Konzerne darstellt: "Diese neue Richtlinie ist weit davon entfernt, eine Last für private Firmen zu sein; sie könnte vielmehr den Genehmigungsprozess für neue Projekte beschleunigen, indem sie das Vorgehen klar darlegt und Firmen aufzeigt, wie sie nationale Regeln und internationale Standards erfüllen können, deren Umsetzung sie zunehmend nachweisen müssen." [Übersetzung der Autorin]

Auch Kolumbien hat in den vergangenen Jahren seine Naturschutzgesetzgebung überarbeitet und einen umfassenden gesetzlichen Rahmen für Ausgleichsmaßnahmen geschaffen. Weil die Zahl der Privatsektorprojekte, die nun Ausgleichsmaßnahmen erfordern, in Kolumbien schnell anstiegen ist, wird eines der Konfliktfelder bereits deutlich: Biodiversitätskompensation erhöht unweigerlich die Nachfrage der Unternehmen nach Kontrolle über öffentliches Land. In vielen Fällen resultiert das letztendlich in einem doppelten Landraub: Konzerne kontrollieren nicht nur die Landnutzung am Projektstandort, sondern auch dort, wo eine Kompensationsfläche ausgewiesen ist.

Das Beispiel Kolumbien zeigt, um wieviel Land dabei auf dem Spiel steht: Allein für den Zeitraum von 2013 bis 2015 ergibt sich eine potenzielle Nachfrage nach mehr als 180,000 Hektar Land, das als Kompensationsfläche ausgewiesen werden müßte. Konflikte zeichnen sich deutlich ab, wie ein Beobachter in Kolumbien erläutert: "Mit Bergbaukonzessionen für mehr als acht Millionen Hektar Land, mit mehr als 130 Erdöl- und Erdgasfirmen, einschließlich Shell, Oxy, Chevron, ExxonMobil und Petrobras, die Konzessionen auf mindestens 1,5 Millionen Hektar Land besitzen, und tausenden Kilometern an geplantem Straßenbau, die alle kritische Lebensräume für Biodiversität beeinträchtigen, ist eine der zentralen Fragen, wo die hunderttausende Hektar Land herkommen sollen, die für die Kompensation von Biodiversitätsverlust benötigt werden.“

Kompensation facht Konflikte um Land an

Der Konflikt um Land wird so zu einer Begleiterscheinung der Kompensation von Biodiversitätsverlust an immer mehr Orten. In bestehenden Kompensationsprojekten zeichnet sich diese Realität bereits deutlich ab.

Nehmen wir das Beispiel eines Bergbaukonzerns auf der Suche nach einer Kompensationsfläche für einen Wald mit vielen endemischen Arten, den die Bergbaumaßnahmen des Konzerns zerstören werden. Damit ein Wald als Kompensationsfläche in Frage kommt, muss das Unternehmen nachweisen, dass der Wald ohne Ausweisung als Kompensationsfläche zerstört worden wäre. Indem das Unternehmen diese hypothetische Bedrohung abwendet, kompensiert es den durch die Zerstörung des Waldes im Bergbaugebiet verursachten Biodiversitätsverlust. Dieser Nachweis einer hypothetischen Gefahr der Waldzerstörung, die das Unternehmen mit der Ausweisung als Kompensationsfläche angeblich verhindert hat, basiert in der Regel auf Variationen der folgenden Argumentation: 'Arme Kleinbauern degradieren den Wald, indem sie Wanderfeldbau betreiben, brandroden und zu viel Brennholz aus dem Wald entnehmen. Unsere Kompensationsmaßnahme wird diesen Wanderfeldbau und die Brennholzgewinnung aus dem Wald in Zukunft unterbinden und dadurch eine Renaturierung der degradierten Waldfläche fördern.'

Diese Argumentationskette hat mehrere Vorteile für das Unternehmen: Kleinbäuerliche Landnutzung und Brennholzgewinnung für die Entwaldung und den Verlust von Biodiversität verantwortlich zu machen, erleichtert es, von den eigentlichen Risiken für biologische Vielfalt und ihrer Zerstörung durch die Mine, den Staudamm, etc., abzulenken. Weil die Gefahr einer Zerstörung des Waldes auf Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte abgewendet werden muss (in anderen Worten: so lange, wie der Biodiversitätsverlust durch Bergbau, Staudamm, etc. weiterbesteht), bestimmen die Bedürfnisse des Konzerns die Landnutzung sowohl auf der Kompensationsfläche als auch dort, wo der Bergbau stattfindet oder der Stausee Ackerland flutet. Aus diesem Grund warnen Kritiker/innen vor einem doppelten Landraub, bei dem der Bedarf an Land von Konzernen die Bedürfnisse von kleinbäuerlicher Landwirtschaft an zwei Standorten übertrumpft.

Neue Trends, alte Konflikte

Ein Trend, der sich in den letzten Jahren in Bezug auf die Kompensation von Biodiversitätsverlust abzeichnet, besteht darin, dass Unternehmen statt die Kompensationsmaßnahme selbst durchzuführen, eine Zahlung in Treuhandfonds leisten. Die Fonds setzen dann die Ausgleichsmaßnahmen um. Dies erschwert es, einem Bergbauprojekt oder Staudamm eindeutig eine bestimmte Kompensationsfläche zuzuordnen.

Ein weiterer Trend ist ein Wandel in der verwendeten Terminologie in den Veröffentlichungen von Konzernen und der Naturschutzindustrie zum Thema Kompensation. In vielen Broschüren von Konzernen und Naturschutzorganisationen wird der im Englischen bisher gängige Begriff biodiversity offset kaum noch verwendet. Stattdessen erscheinen in diesen Publikationen sowie in Planungsdokumenten, Genehmigungsentscheidungen und Finanzierungszusagen immer häufiger Formulierungen wie ‚Quantifizierung von Verlusten und Gewinnen‘, ‚Netto-Biodiversitätsgewinn‘ oder das Ziel, den ‚Netto-Verlust‘ (No Net Loss im Englischen) von biologischer Vielfalt durch die Einrichtung von Biodiversitätsbanken und Treuhandfonds zu verhindern. Es wäre jedoch ein Fehler, die Abkehr vom bisher häufig verwendeten Begriff biodiversity offset als Signal zu verstehen, dass das Instrument der Kompensation für Unternehmen, internationalen Institutionen und Regierungen an Attraktivität verliert. Die Europäische Kommission hat beispielsweise 2019 einen neuen Versuch unternommen, den Ausgleich des Verlusts biologischer Vielfalt in die EU-Verordnung zu integrieren. Dieser sieht vor, Kompensation in die Liste "nachhaltiger Finanzierungsinstrumente" aufzunehmen. Auch eine Initiative der Europäischen Investitionsbank zur Finanzierung von Naturkapital finanziert weiterhin Pilotinitiativen zum Ausgleich des Verlusts biologischer Vielfalt. Internationale Umweltkonventionen stützen sich zunehmend auf Kompensation und die Rohstoffindustrie, die Naturschutzindustrie oder Institutionen wie IFC und Weltbank treiben Kompensation durch die immer engere Integration von Biodiversität- und Kohlenstoffausgleichsmaßnahmen voran. Immer öfter geschieht dies unter dem Sammelbegriff "naturbasierte Lösungen" für die Biodiversitäts- und Klimakrise.


Weiterführende Literatur und Quellennachweise:

Friends of the Earth International (2019): Regulated Destruction. How biodiversity offsetting enables regulated destruction.

ReCommon (2019): Turning Forests into Hotels. The true cost of biodiversity offsetting in Uganda.

Green Finance  Observatory (2019): 50 Shades of Green. Part II: The fallacy of environmental markets.

World Rainforest Movement (2018): "Mainstreaming biodiversity" in extractive industries: Concealing devastation and land grabbing. https://wrm.org.uy/books-and-briefings/mainstreaming-biodiversity-in-extractive-industries-concealing-devastation-and-land-grabbing/

Total (2018): Total and Biodiversity. Commitments and Action. www.total.com/sites/default/files/atoms/files/biodiversite_180710_va.pdf

IUCN and TBC (2017): 'Understanding Government Biodiversity Offset Policies in the Mining Sector.' www.iucn.org/sites/dev/files/content/documents/understanding_government_biodiversity_offset_policies_in_the_mining_sector_november_2017.pdf

ReCommon (2017): Your Mine. Video about a biodiversity offset project in Madagascar. https://www.youtube.com/watch?v=_x-ZB2xyCfQ&feature=youtu.be

ReCommon and World Rainforest Movement (2016): Rio Tinto’s biodiversity offset in Madagascar – Double landgrab in the name of biodiversity? https://wrm.org.uy/books-and-briefings/rio-tintos-biodiversity-offset-in-madagascar-double-landgrab-in-the-name-of-biodiversity/

M. Heuwieser (2016): Wir schützen die Umwelt …woanders. Biodiversitäts-Offsets – Eine Lizenz zur Naturzerstörung. In: FDCL (2016): Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch? https://systemchange-not-climatechange.at/de/wir-schuetzen-die-umwelt-woanders/

International Rivers website on the Bujagali dam: https://www.internationalrivers.org/campaigns/bujagali-dam-uganda

J. Kill (2014): Finanzprodukt Natur. Wirtschaft & Umwelt Schwerpunkt Naturschutz. 2014/02. http://www.ak-umwelt.at/schwerpunkt/?article=293&issue=2014-02

M. Christensen (2008): RMLA Conference. Biodiversity Offsets – A Suggested Way Forward. Anderson Lloyd Lawyers. September 2008. https://www.rmla.org.nz/wp-content/uploads/2016/09/rmla08_markchristensen_effectsmitigation.pdf