Unterdrückte Stimmen, wachsende Bewegung: Der Kampf für LGBTQ+-Rechte im Iran

Analyse

Trotz enormer Herausforderungen hat die LGBTQ+-Bewegung im Iran in den letzten Jahren einen weiten Weg zurückgelegt. Queere Menschen beteiligten sich aktiv an den Protesten "Frauen, Leben, Freiheit". Eine der größten Herausforderungen bleibt jedoch die Isolation und Einsamkeit der Bewegung.

Teaser Bild Untertitel
Tehran, Iran im Februar 2021.

Die Geschichte der LGBTQ+-Bewegung im Iran unterscheidet sich insofern von der etlicher anderer Länder weltweit und in der Region, als ihre Entwicklung in engem Zusammenhang mit den Möglichkeiten des Internets steht. Dies gewinnt noch an Bedeutung, wenn man bedenkt, dass die Entwicklung der LGBTQ+-Bewegung im Iran nicht erst in den vergangenen Jahren einsetzte, sondern bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Für lange Zeit waren die sichtbare Präsenz und Selbstdarstellung von LGBTQ+-Individuen vor allem aufgrund der limitierten Kommunikationsmöglichkeiten eingeschränkt.

Die transformative Wende wurde erst mit der steigenden Nutzung des Internets im Land möglich. Die zunehmende Verbreitung des Internets spielte eine zentrale Rolle bei der Bereitstellung von Plattformen für Austausch und Vernetzung von LGBTQ+-Individuen. Die Möglichkeit, zu kommunizieren und sich online zu organisieren, erleichterte nicht nur das Wachsen der Bewegung, sondern stellte auch einen wesentlichen Wendepunkt in der Geschichte des LGBTQ+-Aktivismus im Iran dar.

In diesem Artikel wollen wir in die vielfältige Geschichte der LGBTQ+-Bewegung im Iran eintauchen, eine Reise, die vor etwa einem halben Jahrhundert an der Universität Shiraz ihren Anfang nahm.

Verfechter*innen für Veränderung: Die Pionier*innen der Bewegung

Über die iranische LGBTQ+-Bewegung zu sprechen wäre nicht möglich, ohne das Verdienst von Saviz Shafaie zu würdigen, einem jungen Studenten der Universität Shiraz. Vor der Islamischen Revolution und der Gründung der Islamischen Republik sprach Shafaie mutig über soziale Ungerechtigkeit und marginalisierte Gruppen, wobei er Homosexuelle als eine solche Gruppe hervorhob.1   Für Student*innen der Soziologie ist es nicht ungewöhnlich, solche Themen zu diskutieren, doch 1972 stellte es immer noch ein gewagtes Unterfangen dar. Erwähnenswert ist, dass die American Psychiatric Association (APA) die Diagnose »Homosexualität« erst ein Jahr später aus dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) streichen sollte.2 Selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) strich Homosexualität erst 19 Jahre später aus der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10). Shafaies Diskurse stellten einen mutigen Schritt zu einer Zeit dar, als solche Diskussionen sowohl international als auch im Iran bahnbrechend waren.

Auch Maryam Khatoon Molkara, einer Trans*-Frau, die ihre Reise als junge queere Persönlichkeit antrat und ihre Geschlechtsidentität begreifen wollte, verdankt die iranische LGBTQ+-Bewegung eine Menge. Während ihrer Arbeit beim Nationalen Iranischen Radio und Fernsehen  hatte Molkara 1974 die Gelegenheit, Farah Pahlavi, ehemalige Kaiserin des Iran kennenzulernen.3 Im Zuge des Treffens schlug Pahlavi die Gründung eines Netzwerkes für Trans*-Menschen vor, um für deren Rechte einzutreten. Obwohl die Gründung eines solchen Netzwerkes misslang und Molkara mit vielen Hindernissen konfrontiert war, kämpfte sie weiter für Trans*-Rechte. So war sie bestrebt, eine islamische Fatwa von Ruhollah Khomeini zu erwirken – im Kontext der Islamischen Revolution eine strategische Entscheidung. Ihre Bemühungen waren von Erfolg gekrönt und hatten eine bahnbrechende Fatwa zur Folge, welche die Zukunft der Trans*-Rechte im Iran prägen sollte. Die Fatwa verfügte: »Die Geschlechtsumwandlung auf Verschreibung eines vertrauenswürdigen Arztes hin, ist mit keinerlei religiösen Konsequenzen verbunden. So Gott will, mögen die genannten Personen, unter göttlichem Schutz, ihre Erwägungen in Hinblick auf die Umstände ausweiten.« Doch trotz dieser Zusicherung gibt es bis heute immer noch etliche religiöse Autoritäten, die absolut gegen geschlechtsangleichende Eingriffe sind und die Meinung vertreten, dass nur intersexuellen Menschen ein solcher Eingriff gestattet sein sollte.4

So wichtig Khomeinis Fatwa war, so umstritten ist sie weiterhin, setzt sie doch ein binäres Verständnis von Geschlecht voraus und pathologisiert Transgender-Realitäten, für die ein chirurgischer Eingriff als Behandlung vorgeschrieben ist. Die Fatwa ermöglichte Operationen, um eine rechtliche Anerkennung des Geschlechts zu erreichen, verweigerte Trans*-Individuen aber gleichzeitig volle Selbstbestimmung und Handlungsmacht. Dennoch spielte Molkaras unermüdlicher Einsatz eine wesentliche Rolle für das Erreichen dieser, wenn auch minimalen, Anerkennung.

Die erdrückende Atmosphäre nach der islamischen Revolution, verstärkt durch die Angst vor Krieg und Bombenangriffen, zwang viele zur Auswanderung oder zur Flucht. Ursprünglich wurde die rechtliche Situation von LGBTQ+-Individuen nach der islamischen Revolution durch das Gesetz der Scharia geregelt, d.h. Homosexuellen drohte die Todesstrafe. Berichten zufolge, wurden einige auch exekutiert. 1991 wurde jedoch das erste Islamische Strafgesetzbuch eingeführt und 2013 überarbeitet. In beiden Versionen werden gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Strafe gestellt und mit Peitschenhieben oder Hinrichtung geahndet. Die Strafen für Männer und Frauen fallen dabei unterschiedlich aus. Männern drohte die Hinrichtung schon beim erstmaligen Vergehen, während Frauen bis zum vierten Mal mit Peitschenhieben davonkommen konnten. Aktuelle Anpassungen verringerten die Strafe für Männer in der dominanten Rolle gleichgeschlechtlicher Beziehungen auf 100 Peitschenhiebe. Trotz dieser Kriminalisierung,5 6 gab es – selbst von den meisten Oppositionsparteien – kaum Forderungen nach einer Verbesserung der Geschlechtergerechtigkeit. Eine neue Dynamik ergab sich erst nach dem Waffenstillstand von 1990 mit der Gründung der Zeitschrift Hooman, die für gewöhnlich von Einzelpersönlichkeiten wie Mansour Saberi und weiteren elf, anonymen lesbischen und schwulen Menschen im Exil publiziert wurde. Diese Zeitschrift wurde zum Mittelpunkt des LGBTQ+-Aktivismus im Iran. 2002, nach der Veröffentlichung von insgesamt 18 Ausgaben, wurde Hooman schließlich eingestellt.

Technologische Katalysatoren und neu entstehende Plattformen

Die neue Generation folgte diesem Weg im Internetzeitalter, insbesondere durch das Veröffentlichen von Blogs. Der Zugang zum Internet eröffnete ein neues Kapitel, nicht nur hinsichtlich des iranischen Aktivismus für LGBTQ+-Rechte, sondern auch als Instrument für isolierte LGBTQ+-Individuen, um die eigene sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität zu entdecken. Gleichzeitig muss man feststellen, dass der Fokus in diesen Jahrzehnten vor allem auf schwulen und lesbischen Menschen lag, umfassende Gender-Diskurs fanden hingegen kaum statt.

Im Dezember 2004 ereignete sich die bahnbrechende Erstveröffentlichung des Online-Magazins Maha. Über dem Titel fand sich die mutige Ankündigung: »Das erste iranische GLBT-Online-Magazin«.7 Die Anfänge von Maha waren durch die Zensur queerer Blogs durch den Blog-Anbieter PersianBlog geprägt, dem ersten freien Blog-Dienst in Farsi. Die Gründer*innen von Maha suchten nach Alternativen, um einen Rückfall in die Zeit der Geheimnistuerei und Unterdrückung zu vermeiden. Das Editorial der ersten Ausgabe vertrat diese Botschaft vorbehaltlos, die Worte der Herausgeber*innen bestätigten resolut: »Wir weichen nicht zurück.« »Unser Ziel beim Start von Maha ist es, den vertrauten Herausforderungen zu begegnen und potenzielle Störungen proaktiv zu thematisieren, indem wir Bewusstsein für die Themen schaffen, von denen sexuelle Minderheiten und Homosexuelle in unserer Gesellschaft betroffen sind.«

Obwohl es stimmt, dass LGBTQ+-Blogger*innen ihre Erfahrungen auch unabhängig geteilt und an verschiedenen Zusammenkünften und Veranstaltungen teilgenommen haben, stellt die Zeitschrift Maha einen bedeutenden Meilenstein dar. Sie war der erste, bzw. erfolgreichste gemeinschaftliche Vorstoß der neuen Generation iranischer LGBTQ+-Individuen.

Neben der Zeitschrift Maha entstanden in den folgenden Jahren immer mehr unterschiedliche Magazine und Podcasts. Dazu gehörte etwa die Zeitschrift Cheragh, die 2005 erstmals erschien. Das von der Persischen Schwulen- und Lesbenorganisation herausgebrachte Magazin Cheragh unterschied sich von seinen Vorgängern und Zeitgenossen. Es bestand bis 2013, also länger als viele andere unabhängige Zeitschriften, was womöglich auf den institutionellen Hintergrund der Publikation zurückzuführen ist.

LGBTQ+-Zeitschriften konzentrierten sich in erster Linie auf Themen wie sexuelle Gesundheit, Geschlechtskonzepte, Aktivismus und kreative Arbeit von Mitgliedern der Community, wobei einige – wie Hooman – explizit politische Standpunkte einnahmen, während andere – wie Maha – sich über die Zeit weiterentwickelten. Vorrangiges Publikum der Publikationen waren LGBTQ+-Individuen, denen sie als wesentliche Quelle für die Selbstfindung und das Auffinden ähnlicher Stimmen, besonders angesichts des beschränkten Zugangs zu Internet und Satelliten-TV im damaligen Iran, dienten. Die Zeitschriften blieben bis 2009/2010 beliebt und fanden vereinzelt auch Verbreitung durch das Verteilen von Kopien im öffentlichen Raum.

Eine Gemeinsamkeit dieser Zeitschriften war jedoch ihr Fokus auf schwule Männer. Obwohl sich einige der Akteur*innen aufgrund der zuvor erwähnten Fatwa an eingeschränkten offiziellen Aktivitäten betätigten, setzten sich nicht alle dieser Gemeinschaften aktiv für Transgender-Rechte ein bzw. wiesen kein wirkliches Bewusstsein hierfür auf. Das hatte interne Kritik innerhalb dieser Organisationen zur Folge.

Die Trans*-Rechte-Bewegung im Land

2007 gründete Maryam Khatoon Molkara mit Unterstützung von Psychiater*innen, Psycholog*innen und Bürgerrechtsaktivist*innen die Iranian Association for Supporting Individuals with Gender Identity Disorders (Iranischer Verband zur Unterstützung von Menschen mit Geschlechtsidentitätsstörung).8 Der Verband artikulierte seine Ziele auf seiner Website und betonte dabei die Notwendigkeit, öffentliches Bewusstsein für diese Störung als eine Form psychischer Erkrankung zu schaffen, die Maßnahmen und Behandlung erfordert. Darüber hinaus bietet der Verband aber auch Seminare und entsprechende Workshops an, um Wissen zu vermitteln sowie betroffenen Menschen Unterstützung zu bieten. Dies stellt die formale Haltung gegenüber Transgender-Themen dar.

Molkara, als Pionierin, wird in erster Linie als respektierte Persönlichkeit gesehen, die Herangehensweise ihrer Organisation an Transgender-Themen bleibt jedoch bis heute problematisch. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Organisation jemals beabsichtigte, sich mit LGBTQ+-Anliegen als politisches Thema zu befassen oder die Konfrontation mit der Regierung zu suchen. Im Laufe der Zeit hat die Trans*-Community ihren eigenen Weg gefunden, und die Aufmerksamkeit für den Verband und seine Denkweise hat rapide nachgelassen.

Lesben trotzen der Unterdrückung und erheben ihre Stimme

Lesbische Menschen waren mit noch größerer Marginalisierung konfrontiert, und mussten sich oft wiederholt behaupten, um eine eigene Plattform zu haben. Die Gründe für diese Ungleichheit sind vielfältig und müssen jeweils für sich betrachtet werden. Trotz des vorherrschenden Fokus auf die Herausforderungen und Rechte schwuler Männer, kämpften auch Lesben beharrlich, um ihre Stellung zu behaupten. Ausdruck dieses Wandels waren z.B. die Änderung im Titel der Zeitschrift Maha von „GLBT-Magazin“ zu „Homosexuellen-Magazin“ ab der 7. Ausgabe der Onlinepublikation, sowie die Einbeziehung einer lesbischen Mitherausgeberin. Die neue Mitherausgeberin machte ihr Recht auf Repräsentation deutlich: »Es geht darum, unsere Präsenz als iranische Lesben in der Arena aufzuzeigen.«9 Dieses Bestreben trug Früchte und hatte im August 2007 die Gründung der Publikation Hamjense-man: The Iranian Lesbian durch zwei lesbische Iranerinnen zur Folge.10

Diese lesbischen Autorinnen waren aufgebracht über die Nichtbeachtung der lesbischen Community und die vorherrschende Vorstellung, dass die Anliegen lesbischer Frauen nicht so wichtig seien wie jene schwuler Männer. Sie kritisierten die Anschuldigung, dass Lesben nicht ausreichend aktiv in der Gemeinschaft seien –  gerade auch vor dem Hintergrund, dass der Einfluss des Patriarchats und andere soziale Einschränkungen von Frauen im Iran komplett übersehen würden.

Im Laufe der Zeit spielte auch der technische Fortschritt, etwa das Aufkommen von Smartphones, eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung des LGBTQ+-Aktivismus, bot er doch auch neue Möglichkeiten für queeres Dating im Iran. Die sozialen Medien bestärkten LGBTQ+-Individuen im Iran dazu, einzeln oder gemeinschaftlich, Content auf Plattformen wie Instagram und Telegram zu veröffentlichen. Dies fachte einen beständigen Kampf zwischen LGBTQ+-Individuen und Sicherheitskräften wie dem Geheimdienst der Revolutionsgarden und dem Ministerium für Nachrichtenwesen an, die bestrebt waren und sind, öffentliche Äußerungen von LGBTQ+-Individuen zu identifizieren und zu unterdrücken.

In dieser Zeit sind viele queere Iraner*innen in die Türkei gegangen, um dort Asyl zu beantragen, einfach um den Einschränkungen des Lebens im Geheimen zu entgehen. Dadurch, dass einige dieser heimlichen Aktivist*innen das Land verlassen haben, stieg ihre Repräsentation in Farsi-Medien allmählich an.

Durchhalten trotz Unterdrückung und Isolation

In der Zwischenzweit – von 2004 bis zum heutigen Tag – haben sich im Exil verschiedene LGBTQ+-NGOs mit unterschiedlichen Prioritäten gebildet. Während manche ihre Aktivitäten fortführen, haben andere diese aufgrund einer Reihe von Herausforderungen eingestellt. Die  Betätigung im Exil ist mit zahlreichen Hindernissen verbunden, und Fundraising-Initiativen setzten Expertise und Anfangsinvestitionen voraus. In der Folge sahen sich einige gezwungen, sich, ungeachtet ihrer Prioritäten, zurückzuziehen.

Besonders bemerkenswert ist die Gründung einer Vielzahl queerer Organisationen im Exil seit 2010, die sich für verschiedene Formen von Sexualität und Geschlechtsidentitäten einsetzen, darunter auch jene, die schon zuvor marginalisiert waren, wie etwa bisexuelle Menschen. Queere iranische Aktivist*innen und Mitglieder der Community im Iran begrüßen zwar die Unterstützung aus dem Ausland, deren Wirksamkeit hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab. Längeres Exil kann zu einer Distanzierung von im Iran lebenden queeren Aktivist*innen und im Ausland lebenden Mitgliedern der Community führen. Diese Distanz kann Aktionen zufolge haben, die das Vertrauen untergraben. Auch kommt es zu Fehlern von Aktivist*innen oder Organisationen. Zudem besteht im Ausland oftmals Gleichgültigkeit gegenüber queeren Aktivist*innen im Iran, was internationale Verfechter*innen von Menschenrechten dazu veranlasst, sich auf Organisationen und Aktivist*innen im Exil zu berufen, um die Perspektiven und Erfahrungen der Gemeinschaft vor Ort zu verstehen. Diese Abhängigkeit von Informationen aus zweiter Hand kann weitere Fehler nach sich ziehen.

Mein Fokus bleibt jedoch auf dem Iran selbst, wo die LGBTQ+-Bewegung trotz des Drucks von außen weiterhin durchhält. Ein exemplarisches Beispiel für LGBTQ+-Aktivismus im Iran, der selbst vom Staat als solcher anerkannt wurde, fand 2018 statt, als Rezvaneh Mohammadi, die Verfasserin dieses Artikels, aufgrund ihrer LGBTQ+- und Menschenrechtsaktivitäten vom Ministerium für Nachrichtendienste verhaftet wurde.11 Obwohl es nicht das erste Mal war, dass ein*e LGBTQ+-Aktivist*in vorgeladen oder verhaftet wurde, zeichnete sich dieser Fall dadurch aus, dass als Grund für die Verhaftung explizit das Eintreten für LGBTQ+-Rechte und der Versuch, die Islamische Republik für die Verletzung der Rechte von LGBTQ+-Menschen verantwortlich zu machen, genannt wurden.

Im Laufe der Zeit haben intersektionale Perspektiven innerhalb der queeren Bewegung immer mehr an Bedeutung gewonnen. Ein bemerkenswertes Beispiel queeren Aktivismus ethnischer Minderheiten fand in den kurdischen Gebieten des Iran statt. Hier haben Menschen begonnen, Content in ihrer Muttersprache zu erstellen, der in ihrem Lehrplan zuvor vernachlässigt worden war. Hier zu nennen ist vor allem die Initiative Pelkezerine, die sowohl die queere als auch die kurdische Identität fördert. Sie findet sich auf Instagram unter @pelkezerine_official.

Im Zuge der Proteste im Iran ab September 2022 (Frau, Leben, Freiheit Bewegung) beteiligten sich queere Menschen sowohl auf den Straßen als auch in den sozialen Medien aktiv am Aktivismus, der die Sichtbarkeit von LGBTQ+-Menschen im öffentlichen Diskurs erheblich erhöhte. Es scheint, als hätte die zunehmende Unterdrückung die iranische LGBTQ+-Community, und besonders die jüngere Generation, dazu veranlasst, nun auch ausdrücklich und sichtbar präsent zu sein und an den Protesten teilzunehmen. Dies reichte in den Protesten gegen das Regime weit über die bloße Teilnahme hinaus. Mutig forderten sie gleiche Rechte durch das sichtbare Tragen von Regenbogenfahnen, durch Graffitis oder einfach durch Zuneigungsbekundungen gegenüber ihren Partner*innen in der Öffentlichkeit und das Teilen dieser Bilder – Aktionen, die eindeutig gegen das Gesetz verstoßen und gehörige Courage erfordern. Dies erhöht die Sichtbarkeit iranischer LGBTQ+-Menschen erheblich.

Die Protest-Bewegung in Iran agierte jedoch oftmals isoliert, Aktivist*innen mit unterschiedlichem Hintergrund hielten oft eine gewisse Distanz zu Verfechter*innen von LGBTQ+-Rechten. In ihrer 7. Ausgabe vom Juni 2005 hob die Zeitschrift Maha in einem Interview mit einer Feministin, deren Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt wurde, eine wichtige Perspektive für zukünftige Generationen hervor. Diese Feministin stellte fest, dass die offene Unterstützung des Kampfes für LGBTQ+-Rechte durch die Frauenbewegungen bedeutungslos sei, bis nicht lesbische Frauen selbst »ihre Existenz öffentlich ausgedrückt haben«. Bis dahin sollten sich lesbische Frauen von öffentlichen Kundgebungen fernhalten, z.B. mit Regenbogenfahnen an Zusammentreffen anlässlich des Weltfrauentags am 8. März. Sie war der Ansicht, dass deren Anwesenheit eine Verletzung der Rechte der Organisator*innen darstelle und deren Bemühungen untergraben würde.

Trotz aller Fortschritte sind einige Aktivist*innen immer noch dieser Ansicht. Etwa Narges Mohammadi, die 2023 den Nobelpreis für ihre herausragende Arbeit im Kampf für Menschenrechte erhielt, sich jedoch bislang zurückgehalten hat, wenn es um die Thematisierung von LGBTQ+-Rechten und die Anerkennung der wesentlichen Rolle derselben im Menschenrechtsdiskurs geht, trotz der Kritik queerer Aktivist*innen und Bürgerrechtsaktivist*innen.12 Schon früher, 2021, bezeichnete Emadeldin Baghi, der den Martin Ennals Award erhalten hatte, ein Foto der österreichischen Sängerin Conchita Wurst als widerlich und als »Warnsignal für Entmenschlichung«, und fügte hinzu, »ein Verteidiger von Menschenrechten kann der Entmenschlichung nicht gleichgültig gegenüberstehen«. Seine Äußerungen lösten zwar Reaktionen zahlreicher Aktivist*innen im Ausland aus, er bedauerte später jedoch nur, dass er sie überhaupt niedergeschrieben hatte, und erklärte, er habe es nicht für nötig gehalten, seinen Einwand ausschließlich auf dieses Thema zu konzentrieren, da seine Hauptanliegen woanders lägen. Er betrachtete die Reaktionen der Menschen als Missverständnis und bemerkte dazu: »Hätte ich gewusst, dass es zu einem solchen Missverständnis führen würde, hätte ich eine solche Sprache mit Sicherheit nicht benutzt.«13

Ein herausragendes, jedoch seltenes Beispiel für Solidarität unter den repressiven Umständen des Bürgerrechtsaktivismus im Iran fand im Zuge der Frau, Leben, Freiheit Proteste statt, als zwanzig Bürgerrechts- und Gewerkschaftsorganisationen eine Charta für die Anerkennung eines Mindestmaßes an Bürgerrechten veröffentlichten, darunter auch die Anerkennung der LGBTQ+-Community und eine Entkriminalisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen.14

Folgen und Herausforderungen

Im Laufe der Jahre hat sich die iranische LGBTQ+-Bewegung nicht nur vergrößert, sie war zudem stets ein wesentlicher Teil der queeren Diaspora-Gemeinschaft. Eine ihrer größten Herausforderungen bleibt jedoch ihre Isolation und ihre einsame Existenz. Die einzige Lösung besteht darin, dass sich andere soziale Bewegungen für eine umfassendere Zusammenarbeit mit dieser Bewegung öffnen. Ein Ende dieser Marginalisierung würde den Weg ebnen für eine dynamischere und kreativere LGBTQ+-Bewegung.


Dieser Artikel erschien zuerst hier: www.boell.de

  • 1Arman Namdar, Mai 2021, Radio Zamaneh.
  • 2Carol North und Alina Suris, Dezember 2015, National Center for Biotechnology Information. [2]
  • 3Behzad Bolour, Mai 2006, BBC Persian. [3]
  • 4Unbekannt, Juni 2022, Ijtihad net.  [4]
  • 5Janet Afary, März 2018, Radio Zamaneh. [5]
  • 6Rezvaneh Mohammadi, September 2020, Peace Mark.[6]
  • 7Unbekannt, Dezember 2004, Maha Magazine. [7]
  • 8Unbekannt, Februar 2008, ISNA. [8]
  • 9Unbekannt, August 2005, Maha Magazine. [9]
  • 10Unbekannt, August 2007, Hamjenese-man: The Iranian Lesbian Magazine. [10]
  • 11Unbekannt, Iran Prison Atlas. [11]
  • 12Unbekannt, Februar 2024, Daadkhast. [12]
  • 13Unbekannt, Januar 2021, BBC Persian. [13]
  • 14Unbekannt, Februar 2023, Radio Zamaneh. [14]